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Der Grönlandhund
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Die ursprünglichste unter den heute anerkannten Schlittenhundrassen stellt zweifellos der Grönlandhund dar. Er gelangte spätestens im Zuge der letzten Inuit-Einwanderungswelle vor etwa 1000 Jahren nach Grönland. Diese Menschen erreichten die große Insel über den Nordwesten von Kanada kommend und man rechnet sie der so genannten Thule-Kultur zu, benannt nach der nördlichsten Siedlung Grönlands, Thule (heute Qaanaaq). Der im letzten Moment vor dem Aussterben gerettete Canadian Inuit Dog gleicht dem Grönlandhund fast aufs Haar und belegt damit die gemeinsamen Wurzeln.
Seit den Tagen der Einwanderung um das Jahr 1000 n.Ch. ist der grönländische Schlittenhund (auf Grönländisch "Qimmiq") weitestgehend vor der Einkreuzung anderer Rassen bewahrt geblieben. Dafür sorgte zunächst die geografische Isolation seiner Heimat, in der jüngeren Geschichte aber gesetzliche Regelungen durch die Grönländische Verwaltung. So dürfen in ganz Ost- sowie Nordwestgrönland nördlich des Polarkreises ausschließlich einheimische Schlittenhunde (und keine anderen Rassen!), südlich der so genannten Hundegrenze, in Südwestgrönland, keine Grönlandhunde gehalten werden. Der Import von Hunden nach Grönland ist praktisch unmöglich (auch der Rückimport zuvor ausgeführter Tiere).
Im Ursprungsland leben die Grönlandhunde noch heute unter den gleichen harschen Bedingungen wie eh und je - als reine Arbeitstiere (unter diesbezüglich bedingungslosem Auslesedruck) und ganzjährig unter freiem Himmel in hocharktischer Natur. Die Zeiten, da die Hunde sich während des Sommers selbst versorgen mussten sind zwar vorbei, das macht ihr Leben aber sicher auch nicht viel leichter. Die meisten Schlittenhunde werden in Grönland im Alter von etwa fünf Jahren getötet, wenn ihre Leistungsfähigkeit im Gespann nachzulassen beginnt.
Auch heute noch vertrauen viele grönländische Fänger bei Jagdfahrten über das Packeis lieber Hunden ihr Leben an als einem Motorschlitten. Die Tiere laufen dabei immer im Fächergespann, das heißt, jeder Hund ist mit einer separaten Leine mit dem Schlitten verbunden und kann sich so nicht nur selbst seinen Weg über das oft unebene Meereis suchen, sondern auch seinen Platz im Gespann. Neben ihrer Hauptaufgabe als verlässliche Zugtiere dienen Grönlandhunde aber auch als Helfer bei der Jagd auf Robben und Eisbären.
Grönlandhunde vereinen die Ausdauer und den Arbeitseifer des Siberian Husky mit der Kraft und Selbstsicherheit des Alaskan Malamute. Sie sind unermüdliche Schwerarbeiter aber keine Kurzstreckensprinter. Als echte Urhunde zeigen sie einen ausgeprägten Sinn für sozialen Status und Rudelzusammenhalt, wache Sinne und eine rasche Auffassungsgabe. Menschen begegnen sie mit der für alle Schlittenhunde typischen Freundlichkeit. Allerdings neigen sie auch zu großem Ungestüm und sind anderen Hunden gegenüber jederzeit bereit ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen. Sie lieben klare Verhältnisse und wollen wissen, wer das Sagen hat. Ihr Verhaltensinventar ist weitgehend wölfisch geblieben, was auch für ihre Jagdpassion gilt - und Tiere, die nicht Mensch oder Hund sind, betrachten sie grundsätzlich als potentielle Beute.
Außerhalb ihres Ursprungslandes findet man Grönlandhunde in größerer Zahl fast nur in Skandinavien, wo sie vornehmlich bei Longtrailrennen zum Einsatz kommen. Die Zahl mitteleuropäischer Züchter dieser Rasse lässt sich beinahe an einer Hand abzählen. Auf Grund seines weniger eleganten Äußeren und seines urig-ungeschliffenen Charakters wird dem Grönlandhund sicher das Schicksal des Siberian Husky erspart bleiben, zum Modehund zu avancieren - das ist gut so. Etwas mehr Beachtung hätte sich diese großartige Rasse aber auch bei uns verdient.

 

Mag. Herwig Schellauf